Am Mittwoch, dem 6. Mai, bekamen die Schülerinnen und Schüler der Entreprise Sätzwierk im Lycée Ermesinde einen besonderen Einblick in das Leben blinder und sehbeeinträchtigter Menschen. Zu Gast waren Marthe Deutsch und Kim Corring von der Fondatioun Letzebuerger Blannevereenegung. Auch der Lehrer Patrick Hurst aus der Entreprise Sätzwierk war dabei und berichtete von eigenen Erfahrungen. Der Workshop fand von 13:15 Uhr bis 14:40 Uhr statt und war gut besucht.
Zu Beginn erklärten die beiden Referentinnen die Geschichte der Organisation. Die Fondatioun Letzebuerger Blannevereenegung wurde bereits 1955 in Bonneweg gegründet. Damals gab es dort eine große Bibliothek mit besonderen Platten, auf die Geschichten aufgenommen wurden und die anschließend ausgeliehen werden konnten. 1984 zog die Organisation um. In Hollenfels entstand zunächst ein Ferienhaus, das später zu einem Altersheim wurde.
Seit 1995 besuchen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Organisation auch Menschen zu Hause, um ihnen Tipps zu geben und sie im Alltag zu unterstützen. Ein weiterer wichtiger Schritt folgte 2004 mit der Gründung des BiergBescher Ateliers. Dort können blinde und sehbeeinträchtigte Menschen arbeiten und verschiedene Tätigkeiten ausüben, zum Beispiel mit Holz oder Keramik arbeiten, schreddern oder backen. Außerdem entstand sogar ein Restaurant in Bissen. 2015 wurden zusätzlich elf Wohnungen speziell für blinde Menschen gebaut.
Heute werden Hörbücher auf CDs gebrannt und kostenlos verschickt. Die CDs können anschließend ganz einfach zurückgesendet werden, indem man die Verpackung umdreht, sodass die Adresse der Blindenvereinigung sichtbar ist. Außerdem erfuhren wir, dass Bücher in Braille-Schrift viel dicker sind als normale Bücher. Es gibt auch sprechende Uhren, die einem zum Beispiel die Uhrzeit ansagen können. 2024 lebten insgesamt 352 blinde Menschen in Luxemburg.
Ein großer Teil des Workshops drehte sich um die Braille-Schrift. Diese wurde von Louis Braille entwickelt. Er verletzte sich bereits mit drei Jahren am Auge und erblindete mit fünf Jahren vollständig. 1829 stellte er seine Schrift fertig und veröffentlichte sie. Die Braille-Schrift basiert auf einem System aus sechs Punkten, die in zwei Reihen mit jeweils drei Punkten angeordnet sind. Je nachdem, welche Punkte man ertastet, erkennt man den jeweiligen Buchstaben. Das Alphabet unterscheidet sich zwar leicht von Land zu Land, viele Zeichen sind jedoch identisch.
Die Schrift basiert ursprünglich auf einem System von Charles Barbier, das im Militär verwendet wurde, damit Soldaten nachts ohne Licht Nachrichten lesen konnten. Dieses System war allerdings sehr kompliziert, weshalb Louis Braille es vereinfachte.
Da der Workshop interaktiv gestaltet war, durften die Schülerinnen und Schüler selbst ausprobieren, ihren Namen in Braille-Schrift zu schreiben. Dabei mussten sie spiegelverkehrt schreiben, weil die Punkte auf der Rückseite des Blattes herausgedrückt werden. Sogar eine Art „Tipp-Ex“ für Braille gibt es: Damit können falsch gedrückte Punkte wieder geglättet werden.
Besonders spannend wurde es, als verschiedene Spezialbrillen verteilt wurden. Jede Brille simulierte eine andere Sehbeeinträchtigung, sodass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erleben konnten, wie unterschiedlich Menschen mit Sehproblemen ihre Umgebung wahrnehmen.
Zum Schluss gab es noch zwei praktische Übungen. Zuerst spielten die Schülerinnen und Schüler Spiele zum Beispiel ein besonderes Memory-Spiel, bei dem die Karten nicht angesehen, sondern ertastet werden mussten. Die verschiedenen Motive fühlten sich jeweils anders an. Danach teilten sich alle in Zweiergruppen auf. Eine Person bekam eine Schlafmaske und die andere übernahm die Rolle des Führers. Die sehende Person musste genau erklären, was sich rundherum befindet, ob Treppen kommen oder ob der Weg enger wird.
Der Workshop zeigte eindrucksvoll, mit welchen Herausforderungen blinde und sehbeeinträchtigte Menschen im Alltag leben, aber auch, welche Hilfsmittel und Möglichkeiten es gibt, um ihnen mehr Selbstständigkeit zu ermöglichen. Gleichzeitig konnten die Schülerinnen und Schüler selbst erleben, wie wichtig Vertrauen, Kommunikation und Aufmerksamkeit sind.