Interview mit Schuldirektor Jeannot Medinger: Die Geschichte des Lycée Ermesinde
Herr Jeannot Medinger gründete im Jahr 2005 zusammen mit Arbeitskollegen das “Neie Lycée” in Hollerich in Luxemburg-Stadt. Heute trägt die Schule den Namen Lycée Ermesinde. Die Idee für diese Schule hatte er jedoch bereits 15 Jahre zuvor entwickelt. Dass es so lange dauerte, bis seine Idee umgesetzt werden konnte, lag daran, dass das Ministerium die Schule zunächst nicht genehmigen wollte. Es hielt das Konzept für unfair, weil nicht alle Schülerinnen und Schüler das Gleiche lernen würden. Herr Medinger hatte nämlich ein völlig neues Schulkonzept entwickelt. Dieses war damals fast identisch mit dem heutigen. Der einzige Unterschied bestand darin, dass die Schülerinnen und Schüler bis 2018 mit den Entreprisen kein Geld verdienen durften. Während seiner eigenen Schulzeit war Herr Medinger oft frustriert, weil man sich strikt an den Lehrplan halten musste. Ihn störte, dass niemand erwartete, etwas Besonderes zu leisten. Außerdem durfte man das, worin man gut war, nur wenig machen, während man sich umso mehr mit den Fächern beschäftigen musste, die einem schwerfielen. Die Schule wurde schließlich genehmigt, als zwei Minister bereit waren, das Projekt zu unterstützen: Herr Jean-Claude Juncker und Frau Mady Delvaux. Für die Gründung musste Herr Medinger jedoch einen Kompromiss eingehen: Das klassische 1ère-Examen musste beibehalten werden. Das findet er bis heute nicht gut, weil man dafür hauptsächlich auswendig lernt und die Prüfungen später ohnehin nicht mehr gelesen werden. Er würde es sinnvoller finden, wenn auch die Arbeit in den Entreprisen und die Mémoires in die Bewertung einfließen würden. Sechs Jahre nach der Gründung zog die Schule nach Mersch um. Dort bot sich eine gute Gelegenheit, und außerdem gab es weniger Konkurrenz durch andere Schulen als in der Hauptstadt. Trotzdem ist das Lycée Ermesinde gut erreichbar. Der Umzug war allerdings bereits drei bis vier Jahre zuvor geplant worden. Schon damals wurde genau überlegt, welche Entreprise an welchem Ort untergebracht werden sollte. Auch beim Neubau der Grundschule wird so vorgegangen. Herr Medinger findet, dass seine Schule eigentlich sehr altmodisch ist. Der Name „Ermesinde“ steht für das Mittelalter. Er entschied sich für diesen Namen, weil im Mittelalter noch nicht alles zentralisiert war und vieles eigenständig organisiert wurde. Auch heute werden immer wieder neue Entreprisen gegründet. Die Ideen dafür stammen von Menschen, die sich freiwillig melden und Vorschläge für neue und sinnvolle Projekte einbringen. Wenn eine neue Entreprise entsteht, müssen auch neue Mitarbeitende eingestellt werden. Dabei werden Personen ausgewählt, die Interesse daran haben, Kindern etwas beizubringen, und die für diese Aufgabe geeignet sind. Mit dem heutigen Stand der Entreprisen ist Herr Medinger sehr zufrieden. Mit dem Zustand der Gebäude ist er dagegen weniger zufrieden und mit dem Cycle Supérieur noch weniger. Für die Zukunft hat Herr Medinger große Pläne. Er möchte private Primärschulen gründen, damit die Kinder bereits in der Grundschule mit dem System des Lycée Ermesinde vertraut werden und von Anfang an auf dieselbe Weise lernen können wie später im Lycée. Ein Arbeitstag als Schuldirektor ist für Herrn Medinger immer unterschiedlich. Er plant nur wenig im Voraus, sondern erledigt das, was gerade ansteht. Besonders wichtig ist ihm die Zusammenarbeit